Gib mir meine Wahrnehmung zurück! Dissoziative Symptome im Alltag

Mit einem strahlenden Lächeln begrüße ich unsere nächsten Kunden: „Hallo, willkommen! Ich bin Anna, wenn ich Ihnen weiterhelfen kann oder Sie etwas bestimmtes suchen, melden Sie sich einfach. Viel Spaß!“ Auf Streife durch den Laden laufe ich an den Spiegeln vorbei. „Mein Spiegelbild sieht heute hübsch aus“, denke ich. „Ich sehe sehr freundlich und süß aus. Wie eine Puppe. Der holländisch-deutsche Charme steht mir.“
In der Küchen-Abteilung erwische ich zwei ältere Damen, wie sie verzweifelt nach dem Preis eines Sektkühlers suchen. Ich teile ihnen höflich den Preis mit und beginne dann mit meinem standard-Gespräch: „Sind Sie das erste Mal hier? Darf ich Ihnen ein paar Infos über unser Unternehmen geben?“ Eine der beiden Frauen kam mir irgendwie bekannt vor und ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. „Kenne ich Sie irgendwoher?“, frage ich misstrauisch. Sie lacht mich etwas verwirrt an und antwortet: „Wir waren vor ein paar Minuten bereits bei Ihnen, erinnern Sie sich denn nicht?“ 

Fuck. Super peinlich sowas. Als ich vor ein paar Tagen dem Jobangebot zusagte, wusste ich, die Arbeit wird nicht gerade easy für mich. In meinem Zustand von 0 auf 100 wieder eine 40-Stunden-Woche zu haben und noch dazu in einem so „kontaktfreudigen“ Umfeld könnte zu Problemen führen. Aber dass es so heftig wird hätte ich nicht erwartet.

Seitdem ich versuche, wieder etwas aktiver zu leben und viel zu unternehmen erlebe ich immer häufiger dissoziative Symptome. Für die, die diesen Begriff nicht kennen, hier eine kurze Erklärung (für die, die sich damit auskennen – das soll nur zum groben Verständnis dienen und keine ausführliche Definition sein, ich übernehme keine Verantwortung für Fehler in der Verwendung der Fachbegriffe):

Der Begriff Dissoziation bedeutet allgemein so viel wie „Spaltung“ oder „Trennung“. Im psychologischen Sinne versteht man darunter eine Art „Spaltung des Bewusstseins“. Ein Mensch, der dissoziiert, trennt bewusst oder – meistens – unbewusst innere und äußere Prozesse bzw. Realität und Schein voneinander und hat so eine verzerrte Wahrnehmung bzw. manchmal auch überhaupt keine Wahrnehmung mehr.

Unsere Psyche setzt Dissoziation ein, um uns zu schützen, wenn wir unangenehmen, unnatürlichen oder unaushaltbaren Situationen ausgesetzt sind. Dieser Mechanismus basiert auf dem Instinkt „fight, flight or freeze“, von dem ihr vielleicht schon einmal gehört habt. Wenn wir uns in einer bedrohlichen Situation weder verteidigen, noch weglaufen können, erstarren wir und treten in einen geistigen Abwesenheits-Zustand. Meistens werden dissoziative Symptome deshalb mit Opfern von traumatischen Erlebnissen wie sexuellen Übergriffen, (emotionalem) Missbrauch, Unfällen oder Umweltkatastrophen in Verbindung gebracht. Ich werde hier aber nicht weiter darauf eingehen, was bei einem Trauma, bei PTBS oder DIS passiert, das könnt ihr gerne selbst googeln 😉
Allerdings dissoziieren auch „gesunde“ Menschen manchmal. Viele kennen sicher das Gefühl, durch starken Stress oder in traurigen Situationen (z.B. Trennung von Freund/Freundin; Verlust eines geliebten Menschen) wie „neben sich zu stehen“ bzw. sich betäubt zu fühlen. Auch solche Dinge zählen zu dissoziativen Symptomen.

Jedenfalls ist Dissoziation immer mit einer Art Entfremdung des eigenen Körpers und der Außenwelt verbunden. Und das beeinträchtigt mich seit einer Weile sehr stark. Wenn ich unter Leuten bin, bin ich oft geistig nicht richtig anwesend, kann mich nicht konzentrieren und fühle mich, als wäre ich in einer Schein-Welt unterwegs. Alles um mich herum und auch mein Verhalten wirkt surreal, als würde ich gerade in einem Film mitspielen. Ich schaue mich im Spiegel an und erkenne mich oft selbst nicht, habe einen Tunnelblick, durch den ich mich immer nur auf einzelne Details fokussieren kann. Teilweise kann ich mich – wie in meinem Beispiel bei der Arbeit – nicht an Dinge erinnern, die ich gemacht habe, kann sie einfach nicht mehr abrufen.. Das ist ziemlich beängstigend und einschüchternd. Mir fehlen manchmal einfach komplette Sequenzen. Auch mal über mehrere Stunden oder sogar Tage, als hätte ich einen Filmriss.

Ich weiß allerdings noch nicht genau, woher die Symptome kommen und warum sie auf einmal so stark auftreten. Das wird neben den Spannungszuständen eines der größten Themen sein, mit denen ich mich als nächstes in der Therapie befasse.

Grenzwandler, gib mir meine Wahrnehmung zurück!